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Familie - Presse

"Der grösste Lohn ist die Freude der Kinder"

 

Wenn Reto Büttiker mit seinem Lastwagen auf dem Festplatz vorfährt, schlagen die Herzen der Chilbi-Fans höher. Der unscheinbare Transporter verwandelt sich innert weniger Stunden in eine der angesagtesten Attraktionen auf Schweizer Volksfesten und Jahrmärkten. X-FACTORY nennt sich die Maschine für den 3-minütigen Höllenritt. Mit Kippeffekt und Wasserspielen ist sie ausgestattet. Figuren von Spiderman, Marylin Monroe und The Incredible Hulk zieren das Äussere der Bahn. Hunderte von Lämpchen sorgen dafür, dass sie in der Reizüberflutung der Feste nicht untergeht.

Das neue Flaggschiff des Schaffhauser Schaustellerbetriebs Büttiker-Mathys ist blitzblank geputzt. Mehr als ein durchschnittliches Einfamilienhaus haben die Beiden kürzlich investiert, um die Anlage zu kaufen. Reto Büttiker und seiner Frau Bea merkt man den Stolz an, Schausteller zu sein. Ihre Arbeit wird in der Gesellschaft respektiert. Das war nicht immer so. Früher kam es immer wieder vor, dass sich die Menschen abwandten, wenn sie vom Beruf der beiden erfuhren: «Mit solchen Zigeunern wollen wir nichts zu tun haben.» Die Sprüche verletzten sie sehr. Als reisende Kaufleute führen sie selbständig ein KMU, zahlen fleissig Steuern und bieten nicht nur sich selbst, sondern auch einem Festangestellten und vielen Temporärkräften ein Auskommen. Sie sind Unternehmer wie andere Gewerbetreibende auch.

Schon seit vielen Jahrzenten befindet sich das Hauptquartier des Betriebs an der Hochstrasse in Schaffhausen. Bea Mathys Büttiker entstammt einer veritablen Schaustellerdynastie, bei deren Entstehung der Zufall eine wesentliche Rolle spielte. Weil Grossvater Hans gesundheitliche Probleme hatte, empfahl ihm sein Arzt, einen Job im Freien zu suchen. So kaufte er sich im Jahre 1950 einen Spielwarenstand und besuchte damit die lokalen Jahrmärkte. Er hatte Erfolg damit. Schon bald kamen ein Kinderflieger, ein Karussell und eine Schiessbude hinzu. Nachdem sein Sohn Rino 1955 die Schaffhauserin Margrit Fehlmann geheiratet hatte, wurde das Unternehmen mit vereinten Kräften weiter ausgebaut. Auch Rino und Margrits Tochter Bea zog es nach einem kurzen Abstecher in den kaufmännischen Bereich zurück zu ihren Wurzeln. «Mit 27 Jahren habe ich gemerkt, dass mir das Leben als reiner Bürogummi auf Dauer keine Freude machen würde. Ich lebe vom Kontakt mit den Leuten. Das ist etwas ganz Schönes» strahlt sie. So kaufte sie ihren Eltern 1985 einen Schiesswagen ab und bereiste fortan ebenfalls die Nordostschweizer Volksfeste.

Auf einem Festplatz lernte sie auch ihren späteren Mann Reto kennen. Dieser hatte nach einer Mechanikerlehre genug von der engen, düsteren Werkstatt und sehnte sich nach dem Duft der grossen weiten Welt. Da kam es gelegen, dass sein bester Freund aus einer Solothurner Schaustellerfamilie stammte. Er tat sich mit ihm zusammen und gemeinsam kauften sie ihre erste Chilbibahn. Zwar war sein Aktionsradius meist auf das Schweizer Mittelland beschränkt und trotzdem verspürte er zum ersten Mal Freiheit, dieses Gefühl, auf eigenen Beinen zu stehen. 1992 kam er durch Zufall an die Schaffhauser Pfingstchilbi. Die Anlage eines Freundes war kurzfristig ausgefallen. Er sprang gerne ein und platzierte seinen «Rock´n´Roll» auf der Zeughauswiese. Dort fiel ihm Bea in ihrem Schiesswagen auf. Sie verliebten sich und ein Jahr später heirateten sie.

Seither ziehen sie gemeinsam durchs Land. Und auch dann, wenn sie sich aufteilen und alleine die kleineren Jahrmärkte besuchen, verbindet sie die gemeinsame Liebe zu ihrem Beruf. «Es sind die kleinen Dinge, die es ausmachen», sagt Bea Mathys Büttiker. «Viele Kunden kannte ich schon als kleine Jungen, die sich beim ersten Mal kaum auf den Baby-Flug wagten und weinten. Beim zweiten Mal konnten sie nicht mehr genug davon kriegen. Dann dürfen sie zum ersten Mal alleine auf die Chilbi und üben sich stolz im Luftgewehr-Schiessen. Ein paar Jahre später präsentieren sie mir ihre erste Freundin. Und schon bald werden sie mit ihren eigenen Kindern auf den Jahrmarkt kommen.»

Die Chilbi ist das Leben. Und manchmal erleben Bea und Reto Büttiker-Mathys Schicksale, die sie nachdenklich stimmen. Reto hatte sein Karussell am Freien Platz aufgestellt. Es war Juli und sehr heiss, Kinder spielten am nahen Rhein. Da kam eine ältere Dame zum Kassenhäuschen. Sie weinte, ihr 6-jähriger Enkel wartete ganz allein im Auto. Immer wieder waren sie an der Schifflände vorbei gefahren. Der Kleine wünschte sich nichts sehnlicher, als einmal auf dem Karussell mitzufahren. Doch das war nicht möglich. Er war krebskrank, durfte nicht in Kontakt kommen mit anderen Kindern. Das Schicksal des kleinen Jungen bedrückte das Schaustellerehepaar sehr. Gemeinsam mit der Grossmutter putzten sie den Helikopter und befreiten ihn so von den gefährlichen Keimen. Der Junge durfte fahren, ganz allein auf dem luftigen Karussell, für ein paar Minuten seine Sorgen vergessen. Er strahlte über das ganze Gesicht. Und auch der Oma fiel ein Stein vom Herzen. Von ihr erfuhren sie später, dass ihr Enkel ein paar Wochen später verstorben war. Sein Lachen auf dem Karussell an jenem Nachmittag im Juli werden sie nie mehr vergessen.

«Es sind die Kinder, die am meisten Freude haben an unseren Angeboten. Sie sorgen dafür, dass es Chilbis auch in Zukunft geben wird. Was uns zu schaffen macht, sind aber die immer wieder steigenden Gebühren an vielen Standorten. Wir müssen lange und hart arbeiten.» In der Saison, wenn Grossanlässe wie
OLMA, Knabenschiessen oder Basler Herbstmesse anstehen, sind die beiden während mehrerer Wochen ununterbrochen auf den Beinen: von morgens früh bis abends spät, über 12 Stunden lang, und das auch am Wochenende. Reto Büttiker kann deshalb oft nur lachen, wenn andere darüber lamentieren, wie streng ihre Arbeit sei.

Einzig im Winter geht es etwas ruhiger zu und her. Dann werden die meisten Anlagen und Wagen eingelagert. Immerhin gehören der neue X-Factor, ein Kinderkarussell, ein Wurststand und nicht weniger als fünf Confiserie-, Spiel- und Schiess-Wagen zum Unternehmen Büttiker-Mathys. Das braucht viel Platz und Reto Büttiker hat alle Hände voll zu tun, die nötigen Wartungsarbeiten durchzuführen. Derweil kümmert sich Bea Mathys um das Kaufmännische und lobbyiert für die besten Standplätze in der neuen Saison.

So ist auch diesen Winter, wenn das Telefon klingelt, immer ein bisschen Hoffnung mit dabei, der Anruf möge aus St. Gallen kommen von der Olma oder von einem anderen hervorragenden Standplatz. Und manchmal ist auch jemand ganz Spezielles am anderen Ende der Leitung. Wie damals, als einer der reichsten Männer der Schweiz anrief. Mehrere Milliarden soll er besitzen. Er plante ein Geburtstagsfest für seinen Sohn und seine Freunde. Reto Büttiker sollte mit seinem Karussell für die nötige Stimmung sorgen. Und so machte er sich damit auf die Reise durch die halbe Schweiz. Die Kinder des Milliardärs freuten sich. Und auch der Auftraggeber durfte eine Runde drehen. «Ob alt oder jung, ob arm oder reich, ob Schweizer oder Ausländer. Chilbi verbindet halt.» Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Davon ist die Schaustellerfamilie überzeugt.

 

Quelle: Schaffhauser Bock